Hand aufs Herz: Wenn Sie an „Wandern“ denken, haben Sie wahrscheinlich Alpenpanoramen, keuchende Anstiege und Gipfelkreuze im Kopf. Das finden Sie hier nicht. Wirklich nicht.
Bedburg-Hau ist platt. Willkommen am Niederrhein.
Aber genau das ist der Punkt. Das Wandern hier hat eine völlig andere Qualität. Es ist eher ein Schreiten, ein „Sich-Treiben-Lassen“ durch eine Landschaft, die den Blick nicht durch Berge blockiert. Wer hier wandert, tut das für die Weite, für den Wind, der fast immer von Westen drückt, und für diese ganz spezielle Ruhe, die man nur zwischen Kopfweiden und historischen Gemäuern findet. Als wir das Hotel Till-Moyland hier etablierten, war uns klar: Unsere Gäste kommen nicht für das Höhenmetertraining. Sie kommen, um den Kopf freizupusten. Und glauben Sie mir, kaum etwas pustet den Kopf so frei wie ein strammer Marsch durch den Reichswald oder die Auenlandschaft, wenn der Herbstnebel noch tief hängt.
Hier sind meine ehrlichen Gedanken, Routenvorschläge und ein paar ungeschönte Tipps für alle, die Bedburg-Hau zu Fuß erkunden wollen.
Der „Berg“ ist hier Geschichte, nicht Geologie
Wenn Einheimische hier von einem „Berg“ sprechen, meinen sie meistens eine leichte Bodenwelle oder etwas, das Menschen aufgeschüttet haben. Lassen Sie sich davon aber nicht täuschen. Das flache Land ist tückisch. Da es keine Anstiege gibt, gibt es auch keine Phasen, in denen man mal nur bergab rollt. Sie sind permanent in Bewegung. Wanderer, die alpine Touren gewohnt sind, unterschätzen oft, wie anstrengend 15 Kilometer sein können, wenn die Wadenmuskulatur keine einzige Sekunde Pause im „Leerlauf“ hat.
Außerdem spielt das Wetter eine andere Rolle als im Wald. Sie sind hier oft exponiert. Wenn es regnet, dann meistens „quer“, wie wir sagen. Aber genau das macht den Charme aus. Die Luft ist hier so sauber und feucht, dass man nach zwei Stunden das Gefühl hat, komplett durchgelüftet zu sein.
Startpunkt Moyland: Mehr als nur Beuys
Natürlich liegt unser Hotel in direkter Nachbarschaft zum Schloss Moyland. Man kommt an dem Ding nicht vorbei – und das sollte man auch nicht. Selbst wenn Sie mit Joseph Beuys und moderner Kunst nichts am Hut haben (was ich niemandem verübele, der Fettfleck in der Ecke ist nicht jedermanns Sache), ist das Areal um das Schloss ein Traum für Spaziergänger.
Der historische Parkteppich ist riesig. Was viele nicht wissen: Man kann wunderbar um das Schlossgelände herumwandern, ohne Eintritt zu zahlen. Die Gräben, die alten Baumbestände, das ist Romantik pur. Besonders im frühen Morgenlicht, wenn der Nebel über den Wassergräben steht, hat das fast etwas Mystisches.
Ein kleiner Insidertipp: Achten Sie mal auf die Kräutergärten. Die Pflege, die da drinsteckt, ist bemerkenswert. Man riecht es, bevor man es sieht.
Der Voltaire-Weg: Kulturkampf im Matsch
Einer der bekanntesten Wege hier ist nach dem französischen Philosophen Voltaire benannt. Eine gewisse Ironie schwingt da schon mit. Voltaire traf hier im 18. Jahrhundert Friedrich den Großen (damals noch Kronprinz) und war, gelinde gesagt, nicht begeistert vom niederrheinischen Klima. Er fror wohl entsetzlich.
Heute ist der Voltaire-Weg eine herrliche Route, die Geschichte und Natur verbindet. Aber Achtung: Es ist kein asphaltierter Boulevard.
- Es geht teils über Waldboden, teils über Feldwege. Nach Regentagen – und die sind hier nicht selten – verwandelt sich der lehmige Boden gerne in eine Rutschpartie. Gute Schuhe sind also Pflicht, keine weißen Sneaker.
- Die Beschilderung ist meistens gut, aber ich habe schon Gäste gehabt, die eine Abzweigung verpasst haben, weil sie zu sehr in Gespräche vertieft waren. Die Landschaft lenkt nicht ab, sie fördert die Konversation.
- Historisch gesehen laufen Sie auf den Spuren eines der wichtigsten Treffen der Aufklärung. Ob Sie dabei schlaue Gedanken fassen oder sich nur auf den nächsten Kuchen freuen, bleibt Ihnen überlassen.
Der Reichswald: Die grüne Lunge
Nicht weit von Bedburg-Hau entfernt beginnt der Reichswald. Das ist eine ganz andere Nummer als die offenen Felder um Till-Moyland. Es ist der größte zusammenhängende Staatsforst in Nordrhein-Westfalen. Hier haben Sie wirklich Wald, Wald und noch mehr Wald.
Der Wald hat eine dunkle Geschichte (Stichwort Zweiter Weltkrieg, die Schlacht im Reichswald), und an manchen nebligen Novembertagen spürt man diese Schwere auch. Aber meistens ist es einfach nur ein gigantisches Sauerstoffzelt. Sie finden hier schnurgerade Schneisen – ein Erbe der preußischen Forstverwaltung. Das wirkt auf manche etwas monoton, ist aber perfekt, um „Kilometer zu fressen“.
Passen Sie im Reichswald ein wenig auf die Radfahrer auf. Der Wald wird geteilt genutzt, und Mountainbiker lieben die wenigen Hügel, die es dort gibt (Endmoränen aus der Eiszeit, also doch Geologie!). Ein freundliches Miteinander ist meistens gegeben, aber man sollte nicht verträumt mitten auf dem Hauptweg stehen bleiben.
Prinz-Moritz-Weg: Barocke Sichtachsen
Johann Moritz von Nassau-Siegen war ein Mann, der Ordnung liebte. Im 17. Jahrhundert ließ er die Landschaft um Kleve und Bedburg-Hau umgestalten. Er ließ Alleen anlegen, die Sichtachsen bildeten. Wenn Sie den Prinz-Moritz-Weg wandern, erleben Sie Landschaftsarchitektur im Großformat.
Das Besondere daran ist die Kanalstruktur. Sie laufen oft am Wasser entlang. Links das Wasser, rechts die Pappeln oder Eichen, oben der weite Himmel. Es hat etwas sehr Beruhigendes, fast Meditatives. Man kann sich hier kaum verlaufen, weil die Linienführung so klar ist. Ideal für Leute, die ihren Orientierungssinn normalerweise im Hotelzimmer lassen.
Ausrüstungstipps vom Einheimischen
Lassen Sie die High-End-Alpenausrüstung zu Hause. Sie brauchen keine Steigeisen und keinen Eispickel. Trotzdem sehe ich immer wieder Leute, die völlig falsch angezogen sind. Hier ist meine pragmatische Liste, was wirklich zählt:
Das richtige Schuhwerk für Lehmböden
Vergessen Sie leichte Laufschuhe, wenn es Herbst oder Winter ist. Der Niederrheinische Boden ist „fett“. Das heißt, der Lehm klebt. Nach zwei Kilometern haben Sie oft zentnerschwere Klumpen an den Sohlen, wenn das Profil zu fein ist. Nehmen Sie halbhohe Wanderstiefel mit einer groben Sohle, die sich leicht abklopfen lässt. Gummistiefel gehen auch, aber darin schwitzen die Füße bei längeren Strecken zu sehr.
Zwiebelprinzip gegen den Wind
Die Temperatur auf dem Thermometer ist hier irrelevant. Was zählt, ist der Windchill. Wir haben oft Tage mit 10 Grad, die sich anfühlen wie 2 Grad, weil der Wind ungebremst über die flachen Felder pfeift. Eine dünne Windjacke ist wichtiger als ein dicker Wollpulli. Darunter Schichten tragen. Wenn Sie in den Wald (Reichswald) gehen, ist der Wind weg und Ihnen wird plötzlich heiß. Schichten sind Ihr bester Freund.
Verpflegung ist strategisch wichtig
Anders als in Wanderregionen wie dem Schwarzwald, wo alle drei Kilometer eine Hütte steht, ist die Gastronomie-Dichte hier auf den Feldwegen dünn. Manchmal laufen Sie zwei Stunden ohne Einkehrmöglichkeit. Ein Rucksack mit Wasser und vielleicht einem Apfel ist keine schlechte Idee. Oder Sie planen Ihre Route so, dass Sie am Ende wieder bei uns im Restaurant landen. Nichts schmeckt besser als ein deftiges Essen nach 15 Kilometern Westwind.
Nach der Wanderung: Wellness als Belohnung
Wenn Sie dann zurückkommen, vielleicht mit etwas kalten Ohren und müden Beinen, beginnt der gemütliche Teil. Im Hotel Till-Moyland haben wir nicht umsonst einen Wellnessbereich eingerichtet. Es ist kein riesiges Spaßbad, sondern ein Rückzugsort. Nach einer Wanderung in die Sauna zu gehen, ist für mich der Inbegriff von Winter am Niederrhein.
Die Wärme zieht in die Knochen, man wird angenehm träge. Viele unserer Gäste unterschätzen, wie hungrig Wandern im Flachland macht. Unser Restaurant hat sich darauf eingestellt. Wir servieren keine winzigen Portionen, wo man die Erbsen zählen muss. Wer gelaufen ist, muss essen. Regionale Küche, saisonal angepasst (Grünkohl im Winter, Spargel im Frühling), das passt einfach zur Umgebung.
Fazit: Unterschätzen Sie Bedburg-Hau nicht
Wandern bei uns ist keine sportliche Höchstleistung im Sinne von Höhenmetern. Es ist Seelenhygiene. Es ist ideal für Menschen, die den Kopf voll haben und ihn leeren wollen. Die Landschaft drängt sich nicht auf, sie ist einfach da. Still, weit und grün.
Ob Sie nun historisch interessiert den Voltaire-Weg gehen, die Kunst in Moyland bewundern oder einfach nur stumpf geradeaus in den Sonnenuntergang laufen wollen: Packen Sie feste Schuhe ein, eine winddichte Jacke und bringen Sie etwas Zeit mit. Hektik funktioniert hier nicht. Der Niederrhein zwingt Sie zur Entschleunigung, ob Sie wollen oder nicht.

