Ganz ehrlich: Wenn Leute an den Niederrhein denken, haben sie meistens genau ein Bild im Kopf. Endlose grüne Wiesen, Kopfweiden und weit und breit kein Berg, der einem die Sicht versperrt. Und wissen Sie was? Das stimmt absolut. Aber wer glaubt, Radfahren hier bei uns sei langweilig oder „zu einfach“, der hat noch nie bei Windstärke 4 auf dem Deich gegen den unsichtbaren Gegner angekämpft.
Als wir das Hotel Till-Moyland hier in Bedburg-Hau übernommen haben, war uns sofort klar: Unsere Gäste kommen nicht zum Bergsteigen. Sie kommen wegen der Freiheit auf zwei Rädern. Wir liegen hier quasi im Epizentrum der schönsten Routen, nur einen Steinwurf vom Schloss Moyland entfernt. Ich sehe jeden Morgen die E-Bikes und die klassischen „Drahtesel“ aus unserer Garage rollen, und abends sehe ich die glücklichen, aber erschöpften Gesichter beim Abendessen.
Vergessen Sie mal kurz die Hochglanzbroschüren vom Tourismusverband. Ich möchte Ihnen hier die Strecken zeigen, die wir selbst fahren, wenn wir mal eine Auszeit brauchen, und Ihnen Tipps geben, die in keinem Reiseführer stehen.
Der Mythos vom „platten Land“ (und warum der Wind unser Berg ist)
Zuerst müssen wir mit einem Vorurteil aufräumen. Ja, es ist flach. Der höchste „Berg“ in der direkten Umgebung ist wahrscheinlich eine Autobahnbrücke oder ein historischer Grabhügel. Für Aktivurlauber klingt das erstmal nach wenig Herausforderung. Aber unterschätzen Sie niemals den niederrheinischen Wind.
Die Holländer sagen gerne: „Der Wind ist der Berg des Flachlandes.“ Und das spüren Sie hier. Wenn Sie eine Tour planen, schauen Sie nicht nur auf die Regenwahrscheinlichkeit, sondern auf die Windrichtung. Mein Tipp an alle Gäste im Hotel Till-Moyland: Starten Sie Ihre Tour immer gegen den Wind. Wenn Sie nach 40 Kilometern müde sind und den Rückweg mit Rückenwind antreten können, fühlt sich das an, als würde Sie jemand sanft nach Hause schieben. Machen Sie es andersherum, wird der Rückweg zur Hölle. Glauben Sie mir, ich habe den Fehler oft genug gemacht.
Das Knotenpunktsystem: Radeln nach Zahlen
Bevor ich zu den Routen komme, ein Wort zur Orientierung. Früher standen wir hier mit riesigen Faltkarten im Wind, die dann prompt zerrissen sind. Das ist vorbei.
Wir haben hier (und drüben in den Niederlanden) das Knotenpunktsystem. Das ist genial simpel. Jede Kreuzung hat eine Nummer. Sie schreiben sich einfach eine Zahlenfolge auf den Handrücken oder einen Zettel – zum Beispiel 45 -> 12 -> 33 -> 45 – und fahren einfach den Schildern nach. Keine Karte, kein ständiges Handy-Checken. Wenn Gäste bei uns an der Rezeption nach Routen fragen, geben wir ihnen oft einfach nur diesen „Code“ mit auf den Weg.
Route 1: Die „Schloss-Runde“ – Kultur trifft Kieswege
Start: Direkt vor unserer Haustür in Bedburg-Hau.
Länge: Ca. 25-30 km (perfekt für den Nachmittag).
Das ist die Hausstrecke. Sie können das Hotel Till-Moyland eigentlich nicht verlassen, ohne Schloss Moyland gesehen zu haben. Aber fahren Sie nicht einfach stur die Hauptstraße entlang.
Fahren Sie „hintenrum“ durch die Felder Richtung Till. Der erste Halt ist natürlich das Schloss selbst. Selbst wenn Sie keine Lust auf das Beuys-Museum haben (obwohl, die Fett-Ecke muss man mal gesehen haben), der Park ist ein Traum. Ein kleines Detail, auf das Sie achten sollten: Die Pfauen. Die laufen da frei rum und machen einen Höllenlärm, sind aber wunderschöne Fotomotive.
Von dort aus empfehle ich den Schlenker über die Voltaire-Weg-Route. Das sind teils befestigte Sandwege, sehr gut fahrbar. Man kommt an alten Bauernhöfen vorbei, wo man im Sommer oft direkt am Wegesrand Erdbeeren oder Spargel kaufen kann. Packen Sie sich einen kleinen Rucksack für den Einkauf ein.
Route 2: Via Romana & Xanten – Ein Ritt durch die Geschichte
Start: Hotel Till-Moyland.
Ziel: APX (Archäologischer Park Xanten) und zurück.
Länge: Ca. 45-50 km (Tagesausflug).
Achtung, jetzt wird es etwas anspruchsvoller, nicht wegen der Steigung, sondern wegen der Distanz. Diese Route führt Sie auf den Spuren der alten Römer. Die „Via Romana“ ist gut ausgeschildert.
Der Weg nach Xanten ist landschaftlich unglaublich abwechslungsreich. Sie fahren durch Alleen, die im Sommer kühlen Schatten spenden – ein Segen, wenn die Sonne auf den Asphalt knallt. Wenn Sie in Xanten ankommen, fahren Sie direkt zum Marktplatz. Aber Vorsicht: In der Innenstadt von Xanten liegt historisches Kopfsteinpflaster. Mit einem voll gefederten E-Bike kein Problem, mit einem Rennrad mit 23mm-Reifen schüttelt es Ihnen die Plomben aus den Zähnen. Steigen Sie dort lieber ab.
Was viele nicht wissen: Man kann mit dem Rad wunderbar um die Xantener Nord- und Südsee fahren (die heißen wirklich so). Das ist flach, asphaltiert und man guckt eigentlich permanent aufs Wasser. In Wardt gibt es einen kleinen Kiosk, der Currywurst macht, die fast so gut ist wie unsere im Hotel – aber nur fast.
Route 3: Grenzgänger – Einmal Holland und zurück
Nijmegen ist näher, als man denkt. Von Bedburg-Hau aus ist das für fitte Radler absolut machbar. Das Spannende daran ist der Moment, in dem man die Grenze überquert. Sie merken es nicht an einer Schranke, sondern am Asphalt.
- Auf deutscher Seite ist es manchmal etwas… sagen wir „rustikal“. Ein bisschen Wurzelaufbruch hier, ein Schlagloch da.
- Sobald Sie die Grenze passieren, wird der Radweg oft rot eingefärbt und glatt wie ein Babypopo. Die Niederländer verstehen einfach was vom Radwege-Bau.
- Ein Highlight auf dieser Strecke ist die „Fietsallee“. Früher fuhr hier eine dampfende Eisenbahn, heute gleiten Sie auf einer schnurgeraden Strecke durch die Natur. Links und rechts Bäume, in der Mitte Sie. Das ist Meditation pur.
In Nijmegen selbst sollten Sie Ihr Rad gut abschließen – am besten doppelt. So toll die Fahrradkultur dort ist, so schnell wechseln Fahrräder dort auch mal ungewollt den Besitzer. Genießen Sie dort „Kibbeling“ auf dem Markt und radeln Sie dann gemütlich zurück zu uns.
Praktische Tipps für Ihre Tour (aus Erfahrung, nicht aus dem Lehrbuch)
Ich sehe oft Gäste, die mit der völlig falschen Ausrüstung anreisen. Man braucht hier keine Mountainbike-Stollenreifen – die bremsen auf dem Asphalt nur unnötig. Ein guter Trekking-Reifen mit Pannenschutz ist Gold wert. Warum Pannenschutz? Die Bauern schneiden im Herbst die Hecken. Da landen oft Dornen auf dem Radweg. Ich habe schon so manchen Gast mit plattem Reifen abholen müssen (was wir natürlich machen, aber schöner ist es ohne Panne).
Hier sind ein paar Dinge, die wirklich in die Satteltasche gehören:
- Eine dünne Windweste: Selbst im Juli kann es abends am Rhein empfindlich frisch werden.
- Bargeld: Viele der schönsten Bauerncafés (dazu gleich mehr) akzeptieren immer noch keine Karte oder Apple Pay. Ohne Moos nix los beim Kuchenkauf.
- Sonnencreme: Unterschätzen Sie das nicht. Durch den Wind merkt man nicht, wie die Sonne brennt. Am Abend leuchten Sie sonst rot wie ein Krebs beim Abendessen.
Das wichtigste Thema: Die Pause (Bauerncafés)
Radwandern am Niederrhein ohne Einkehren ist wie Skifahren ohne Après-Ski – technisch möglich, aber sinnlos. Die Region ist berühmt für ihre Bauerncafés. Das sind oft umgebaute Scheunen mitten im Nirgendwo.
Wenn Sie dort Kuchen bestellen, seien Sie gewarnt: Die Stücke sind riesig. „Niederrheinische Tortenstücke“ sind eine eigene Maßeinheit. Wenn Sie Sahnetorte bestellen, dann ist das eine Mahlzeit, kein Snack. Planen Sie danach erstmal 5 Kilometer gemütliches Rollen ein, bevor Sie wieder Tempo machen.
Nach der Tour: Zurück im Hotel Till-Moyland
Wenn Sie dann nachmittags zurückkommen, die Waden brennen leicht und der Tacho zeigt 60 Kilometer an, dann beginnt der gemütliche Teil. Wir haben unser Hotel extra so ausgerichtet, dass es Radfahrern an nichts fehlt. Das fängt bei der sicheren Unterbringung der Räder an – wir wissen, dass so ein E-Bike heute so viel kostet wie ein Kleinwagen, das lässt man nicht draußen stehen.
Viele unserer Gäste nutzen nach der Tour direkt unseren Wellnessbereich. Es gibt nichts Besseres, als die Muskulatur in der Sauna zu lockern, bevor man sich zum Abendessen setzt. Unser Restaurant setzt dabei auf das, was der Körper nach so einem Tag braucht: Ehrliche, kräftige Küche. Wir kochen saisonal mit Produkten aus der Region – vielleicht sogar genau von dem Feld, an dem Sie heute Mittag vorbeigeradelt sind.
Ob Sie nun für ein Wochenende kommen oder eine ganze Woche bleiben, um jeden Tag eine andere Himmelsrichtung zu erkunden: Der Niederrhein ist das perfekte Revier, um den Kopf freizubekommen. Der Rhythmus hier ist langsamer. Man tritt in die Pedale, sieht den Wolken zu und vergisst den Stress. Probieren Sie es aus. Wir stellen schon mal das Bier kalt.

